World of Voice and Singing

Center Gravity / Fluid Power / Vocal Freedom

1.1/ Stimmumfang und Register

Was ist ein Stimmumfang?
Mit dem Umfang einer Stimme ist die Spannweite gemeint, die sie von der tiefsten bis zur höchsten Frequenz (Tonhöhe gemessen in Hz) erreichen kann. Man unterscheidet bei dem Umfang einer Stimme zwischen dem physiologischen und musikalischen. Der physiologische Stimmumfang bezieht sich auf alle Laute, die eine menschliche Stimme hervorbringen kann, auch solche, die musikalisch „nicht verwertbar“ sind. Meist ist dieser Umfang wesentlich größer als der musikalische.

Was passiert im Kehlkopf wenn höher gesungen wird?
Mit zunehmender Phonationsfrequenz (Tonhöhe) erhöht sich die Spannung im Kehlkopfbereich. Gleichzeitig kommt es zu einer Massenverkleinerung Stimmbänder, so dass die Randkanten- und Schleimhautschwingung (die inneren feineren Bereiche der Stimmbänder) vorherrscht. Die Stimmbänder werden gestreckt und dadurch dünner. Der schwingungsfähige Teil hingegen verkürzt sich (Vgl. Seidner, 2005, S.77).

Was passiert im Kehlkopf wenn tiefer gesungen wird?
Die Abnahme der Frequenzen führt zu einer relativen Entspannung und Verlängerung der Stimmlippen, die infolgedessen langsamer schwingen. Die Schwingungsmasse, also die Aktivität des Musculus Vocalis (der Muskelanteil und damit größere Bereich der die Stimmbänder ausmacht) nimmt zu.

Diese Veränderungen geschehen unabhängig von der Timbrencharakteristik und Klangfarbe einer Stimme, denn diese wird einerseits durch die Stimmlippenschwingung und andererseits die Beschaffenheit ihrer Resonanzräume bestimmt (Sundberg, 1977, S.73).

Was bedeutet „Register“?
Es handelt sich dabei um ein sehr umstrittenes Konzept, das sich aber für die Beschreibung der charakteristischen Färbungen bestimmter Tonhöhenabschnitte als hilfreich erwiesen hat (Vgl. Seidner, 2005, S.99). Das Registerprinzip beruht auf der Feststellung, dass die Tonhöhenänderung bei einer ungeübten Stimme von der tiefsten bis zur höchstmöglichen Stimmlippenfrequenz normalerweise nicht als gleitendes Kontinuum erfolgt sondern stufenweise. An bestimmten Stellen „springt“ die Stimme aus dem tiefen Frequenzbereich der so genannten Bruststimme in den höheren, als Kopfstimme bezeichneten Bereich, mit hörbarer Veränderung der Klangfarbe (Seidner, 2004, S.100). An den Übergängen von einem zum nächsten Register ändert sich die Kehlkopfstellung abrupt. Dieses Phänomen wird als Registerbruch bezeichnet. Physiologisch gesehen nimmt die in Schwingung versetzte Masse der Stimmlippen vom Brust- zum Kopfregister ab so dass bei der Bruststimme die gesamte Muskelmasse der Stimmlippen und bei der Kopfstimme lediglich die Stimmbandränder schwingen. Die Teilabschnitte ähnlicher Klangeigenschaften werden als Brustregister und Kopfregister, sowie Mittelregister bezeichnet. Zusätzlich zählt man in der europäischen Gesangswissenschaft ein tiefes Strohbassregister und hohes Falsett bei Männern sowie das Pfeifregister bei Frauen hinzu.

Und was ist eigentlich die Mischstimme?
Man spricht von einer ausgewogenen voix mixte, Mischfunktion oder einem Registerausgleich wenn es über das möglichst gleichmäßige Zusammenwirken aller Muskeln zu einer Verschmelzung sämtlicher Register kommt. Die Kopfstimm- Mittelstimm- und Bruststimmfärbungen sind dann in jedem Frequenzbereich zu gewissen Anteilen vorhanden, so dass es zu einer möglichst gleichmäßigen Verteilung der Klanganteile kommt.

Was genau ausgewogen bedeutet, wie das klingen soll und ob eher Brust- oder Kopfstimmanteile bevorzugt werden etc, hängt von persönlichen, musikalischen, kulturellen und ästhetischen Kriterien ab und kann deshalb von Gesangskultur zu Gesangskultur, Genre, Stil und musikalischem Material sehr unterschiedlich sein.

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Hörbeispiele und Beschreibungen zu Kopfstimme, Falsett und Pfeifregister:

Bei einer Frauenstimme wird der höheren Lage die Kopfstimme und das Pfeifregister (manche sprechen hier auch von Falsett) zugeordnet. In der Praxis ist eine klare Abgrenzung dieser hohen Register nicht immer so eindeutig, das trifft auch die teilweise Mischung mit der Bruststimme zu. Um solche Mischphänomene besser zu beschreiben werden manchmal sogar zusätzliche Bezeichnungen wie die der „Superkopfstimme“ eingeführt.

Ein Beispiel für hohe Kopfstimme mit nicht ganz eindeutiger Abgrenzung zum Falsett:

1. Leona Lewis „Cant breathe“: http://www.youtube.com/watch?v=a2jHgV_7-Fw

Ein Beispiel für hohe Kopfstimme mit nicht ganz eindeutiger Abgrenzung zum Pfeifregister

2. Minnie Riperton „loving you“ http://www.youtube.com/watch?v=auYCXBzep9o

Ein Beispiel für Kopfstimme mit nicht ganz eindeutiger Abgrenzung zur Mischfunktion:

3. Kate Bush „Wuthering Heights“: http://www.youtube.com/watch?v=Fk-4lXLM34g

4. Corinne Bailey Rae covers „Venus as a Boy“: http://www.youtube.com/watch?v=2xGaxN_Qkbw

5. Derselbe Song in der Mischfunktion, Björk „Venus as a Boy“: http://www.youtube.com/watch?v=ZaxUZH0cbhM

Obwohl es bei Männern einen klaren physiologischen Unterschied gibt zwischen Kopfstimme und Falsett, lassen sich beide Register in der Praxis nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen. Dennoch habe ich einige Beispiele aus dem Popbereich gefunden, die sich dem Falsett zuordnen lassen. Bekannt dafür sind Sänger wie Prince, Michael Jackson, Marvin Gaye und Freddi Mercury.

Beispiele für männliches Falsett:

6. Prince, „Adore“: http://www.youtube.com/watch?v=leG8lgFM9VE

7. The communards „So cold the night“: http://www.youtube.com/watch?v=Fx1lAdi1f-8

8. Sigur Ros „Glosoli“: http://www.youtube.com/watch?v=Bz8iEJeh26E

9. Earth, Wind, Fire „Reasons“: http://www.youtube.com/watch?v=0NnXIxSAa1QE

Beispiel für eine nicht ganz eindeutige Abgrenzung der Kopfstimme zu einer teilweise Mischung mit der Bruststimme:

10. The Police „Roxanne“: http://www.youtube.com/watch?v=k3EmA-eJPxs

Pfeifregister:

Das extrem hohe Pfeifregister wird selten eingesetzt, und oft handelt es sich eher um eine Mischung zwischen Kopfstimme, Falsett und Pfeifregister. Es gibt allerdings einige Sängerinnen im Soulbereich, die das Pfeifregister intensiv verwenden. Besonders bekannt dafür sind Rachelle Ferrell, Betty Wright und Minnie Riperton.

11. Minnie Riperton „Could It Be I’m In Love“: http://www.youtube.com/watch?v=GXTQWIaKTKs (ab 2:25 min)

12. Betty Wright „No Pain, no Gain“: http://www.youtube.com/watch?v=QOJBxGHI1xQ (ab 2:20 min)

Feldaufnahmen aus anderen Kulturen:

13. Frauen, reine Kopfstimme, Ansätze zu Falsett und leicht gemischte Kopfstimme):

1-Indonesien, 2-Zentralafrika, 3-Südkorea

14. Männer, Kopfstimme, Falsett, Pfeifregister:

1- Mongolei, 2- Brazilien, 3-Europa, 4-Mongolei

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Hörbeispiele und Beschreibungen zu Bruststimme und Strohbassregister:

Bruststimme bedeutet nicht automatisch tief singen, ebensowenig wie Kopfstimme gleichbedeutend ist mit hoch singen. Die Bruststimmfunktion kann auch in der Höhe genutzt werden, ebenso wie die Kopfstimmfunktion bis in die Tiefe reicht. Doch das bedeutet, dass sie in eine Mischfunktion übergeht, denn Singen mit reiner Bruststimmfunktion und das auch noch in der Höhe – diese Belastung kann kaum eine Stimme auf Dauer aushalten. In der Praxis Beispiele zu finden, in denen die Bruststimme isoliert von der Mischfunktion gesungen wird, hat sich daher schwieriger herausgestellt, als Beispiele für eine isolierte Kopfstimmfunktion zu finden. Eine ungemischte, luftige Bruststimme kennen wir zum Beispiel von Toni Braxton am Anfang ihres Songs „unbreak my heart.“

Hier ein Versuch für weibliche Stimmen:

Tanita Tikaram scheint hier an der untersten Grenze ihres Stimmumfangs zu singen und singt überwiegend in der Bruststimme. Manchmal klingt sie luftig und sanft und die klangintensiveren Passagen singt sie über eine ansatzweise Mischung. Sie erzeugt damit eine warme, intime Stimmung aber auch Schwere, da sie im gesamten Song mit dem großen und schwereren Bruststimmanteil verbunden bleibt.

1. Tanita Tikaram „Twist in my Sobriety“: http://www.youtube.com/watch?v=T5emcbg_wZk

Hildegard Knef ist ein wunderbares Beispiel für eine Sängerin mit kraftvoller Bruststimme. Mit einem hohen Bruststimmanteil singt sie im Unterschied zu Tanita Tikaram allerdings auch deutlich in der Mischfunktion. Damit integriert sie eine gewisse Leichtigkeit und unterstützt den erzählerischen Ton, ganz im Kontakt zu ihrer Sprechstimme.

2. Hildegard Knef „Für mich solls rote Rosen regnen“: http://www.youtube.com/watch?v=r6vmMzME7S0

Ein toller Song und ein fantastisches Beispiel für eine starke, warme Bruststimme mit anteiliger Mischung am A-Teil und klare Mischfunktion im B-Teil:

3. Cassandra Wilson „Lay Lady Lay“: http://www.youtube.com/watch?v=dlVAfvZo1LY

Unter den männlichen Sängern gibt es natürlich auch zahlreiche Beispiele für das Singen mit der Bruststimme. Sofort in den Sinn kam mir Leonhard Cohen. Hier hört man ganz schön, wie rau und luftig die reine, ungemischte Bruststimmfunktion klingen kann, wenn sie sich nicht mit der Schärfe und Klarheit anderer Register mischt:

4. Leonhard Cohen „a thousand kisses deep“: http://www.youtube.com/watch?v=gPhHMc83vCk

Mit sanftem Bruststimmanteil gesungen, aber mit integrierter Mischfunktion

5. Serge Gainsbourg „la noyée“: http://www.youtube.com/watch?v=OsYa6xGl7eg

Ein Beispiel für eine hohe Lage die Jeff Buckley aber anteilig vorwiegend in der Bruststimme singt. Die durch dieses „Bruststimmübergewicht“ bedingte Anstrengung in der Stimme ist nicht zu überhören. Jeff bewegt er sich zwischen Schwere und Zerbrechlichkeit.

6. Jeff Buckley „Hallelujah“: http://www.youtube.com/watch?v=FT0xdVXHKPs

Beispiele aus anderen Kulturen:

Ausgewogen in der Bruststimmlage, eindeutig mit Mischfunktion:

7. Manu Dibango „woa“ (Afrika): http://www.youtube.com/watch?v=jCg4giPYQoI

Bruststimmfunktion bis in die Höhe:

8. Kandia Kouyate „Tschegniba“ (Afrika): http://www.youtube.com/watch?v=iVtcG7akqJs

Die faszinierenden Möglichkeiten der Stimme werden in Bezug auf ihre Register auf unterschiedliche Weise genutzt und manchmal bis zu den physiologischen Grenzen ausgereizt. So gibt es in anderen Kulturen Stile die im tiefen Strohbassregister gesungen werden. Beim ersten Beispiel muss man sehr genau hinhören um die tiefe Stimme unter der Tanpura zu hören:

1- Dhrupad (Nordindien), 2- Mönche (Tibet)

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Gibt es die ideale Mischstimme?

In unseren westlichen Gesangsstilen wird oft angestrebt weder in der reinen Brust- noch Kopfstimme, sondern in der sogenannten Mischfunktion zu singen. Es handelt sich dabei um ein Konzept, dass auf gewissen physiologischen und Klangästhetischen Tatsachen beruht.

Man spricht von einer ausgewogenen voix mixte, Mischfunktion oder einem Registerausgleich wenn es über das möglichst gleichmäßige Zusammenwirken aller Muskeln zu einer Verschmelzung sämtlicher Register kommt. Die Kopfstimm- und Bruststimmfärbungen sind dann in jedem Frequenzbereich zu gewissen Anteilen vorhanden und bewirken eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Klanganteile.

In Ausbildungsmethoden wird je nach pädagogischem Ansatz entweder ein isoliertes Ansteuern der Register geübt um sie letztendlich zusammenzuführen, oder von Beginn an die Bildung einer Mischfunktion angestrebt ohne die Register zu trennen. Um eine offene, freie und gesunde Mischfunktion zu erreichen, ist es nach meiner Erfahrung vor allem notwendig die Schwingung der Randkante über den gesamten Stimmumfang in die Mischstimme zu integrieren und über eine Öffnung der Rachenräume mit der Bruststimme zu verbinden. Der ideale Zustand einer Mischfunktion lässt sich etwa so beschreiben: Er zeichnet sich durch eine Balance der Muskeltätigkeit im Gesangsapparat aus, braucht einen gesunden Stimmbandschluss, offene Resonanzräume, einen entspannten Kiefer- und Rachenraum, eine unabhängig arbeitende Zunge und ausgewogenen Spannungszustand im Körper (Eutonus), insbesondere auch Atmungsvorgang.

Natürlich fallen mir zahlreiche SängerInnen mit guter Mischfunktion ein, über alle geografischen und musikalischen Grenzen hinweg. Und alle bringen sie unterschiedliche Qualitäten mit.

Ich kann die Frage im Titel nur subjektiv und aus meiner Sicht beantworten. Auch wenn die Liste der SängerInnen mit guter Mischfunktion endlos ist, gibt es wenige von ihnen deren ich mit totaler Ausgewogenheit und Freiheit beschreiben würde, kombiniert mit konsequenter Durchlässigkeit. Es ist ein Zustand der nicht manipuliert sondern zulässt, eine Mischung die nicht über Druckfunktionen und Kompensation sondern Balance zwischen Spannung und Loslassen entsteht. Allerdings müssen die beschriebenen Kriterien in der Praxis nicht alle zutreffen, damit eine Stimme fasziniert und berührt.

Wer Beispiele für SängerInnen mit „idealer“ Mischfunktion findet, kann diese (am besten mit Begründung) gerne im Kommentar hinterlassen. Ich mache den Anfang und wähle ein Beispiel aus dem Popbereich, den fantastischen Donny Hathaway:

  1. Donny Hathaway „I love your more then you’ll know“: http://www.youtube.com/watch?v=Dko6eQl4w2s
  2. Donny Hathaway „Jealous Guy“: http://www.youtube.com/watch?v=x7EsC1TMzrA

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Wechsel, Brüche, Sprünge! das Spiel mit Tonhöhenqualitäten

In den letzten Beiträgen habe ich mich mit den unterschiedlichen Registern und der Mischfunktion auseinandergesetzt und festgestellt, dass eine ausgewogene Mischung häufig ein klangästhetisches Ideal darstellt.

Andere musikalische Ausdrucksmittel ergeben sich, wenn der Bruch oder der Kontrast zwischen den Registern – mit Absicht oder als unbeabsichtigter Nebeneffekt – deutlich hörbar wird. Ein besonders starkes Beispiel hierfür ist das Jodeln, eine Technik die sich in vielen unterschiedlichen Gesangskulturen finden lässt.


1_Afrika (Namibia), 2_Iran, 3 und 4_Mongolei

Weniger häufige, aber dennoch auffällige Registersprünge oder -brüche findet man in der Popmusik – in dezenter Variante hin und wieder unter den Singer/Songwritern, oder sehr häufig auch im Countrybereich (hier eines von vielen Beispielen, bei dem diese typischen „Kiekser“ alles andere als sparsam einsetzt werden: http://www.youtube.com/watch?v=LTIRX9JULTs).

Popsängerinnen die stilistisch damit umgehen sind zum Beispiel auch Alanis Morrisette und Shakira:
1. Alanis Morrissette „Your Congratulations“: http://www.youtube.com/watch?v=mWW9mF7PAFE (besonders deutlicher Bruch bei 1:35 min. Alanis schiebt hier das Brustregister so weit hoch – ich empfehle diese Technik nicht nachzuahmen! – bis es zu einem deutlichen Übergewicht kommt, welches sich über den hörbaren Bruch in die dünnere Kopfstimme entlädt.)

Oder ein Registersprung kann z.B. auch bei abruptem Lautstärkewechsel auftreten, wie hier bei Leona Lewis:
2. Leona Lewis „Over the Rainbow“ (bei minute 1:55): http://www.youtube.com/watch?v=fzkqcuTx0kg

Ein absoluter Meister der schnellen und sauberen Registersprünge ist Bobby Mc Ferrin:
3. Bobby Mc Ferrin „Improvisation“: http://www.youtube.com/watch?v=81uJZIF9TCs

Ein interessantes Spiel mit den Registern ergibt sich auch, wenn Männer die Klangeigenschaften von Frauen „imitieren“ und umgekehrt … und damit an die Grenzen ihres Stimmumfangs gehen:
4. Edson Cordeiro, Cassia Eller: http://www.youtube.com/watch?v=iRSmHd_Sq9U

Oder wenn jemand alle Register zieht …

Bei Anyello hören wir den Unterschied zur Bruststimme und Mischfunktion in der Strophe, klare Kopfstimmpassagen auch mit teilweiser Mischung in die Bruststimme im Refrain, Ansätze zum Falsett im Refrain sowie Passagen in der Pfeistimme (gegen Ende des Songs). Ob hier auch Autotune im Spiel ist möchte ich nicht ausschliessen.

5. Anyello „BrighterThanTheSun“: http://soundcloud.com/anyello-vox-absolutus/anyello-brighterthanthesun
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Brüche und Grenzen oder Einheit? Das Nicht-Registerkonzept im nordinischen Dhrupadgesang.

Möglicherweise ist die Idee von Stimmregistern ein reines Konstrukt und Ergebnis unserer Denkweise, Dinge in Kategorien und Abschnitte einzuteilen. Ganz anders ist dies im nordindischen Dhrupad Gesang der seit einigen Jahren Bestandteil meiner Forschungen im Bereich Stimme ist. In der Philosophie der nordindischen Musik wird Klang als etwas verstanden, das im Universum omnipräsent ist, wie ein Fluss, dessen Wasser kontinuierlich fliesst und niemals versiegt. Diese Wahrnehmung ist eng verknüpft mit dem metaphysischen Verständnis zur immerdagwesenen Klangenergie nada: „nada is the very essence of vocal music.“

Der Stimmumfang wird also nicht in Abschnitte eingeteilt, sondern die Stimme und der durch sie transportierte Klang als Kontinuum erfasst. Selbst einzelne Töne gehen ineinander über und werden nicht als einzeln abgegrenzte Tonschritte wahrgenommen. In diesem Klangverständnis haben Begrenzungen keine Bedeutung. Dieses Konzept wird im nordindischen Dhrupad laya genannt.

Im Laufe meiner Forschungsarbeit habe ich die Stimmen von verschiedenen Dhrupad Sängern untersucht und festgestellt, dass auch hier die gesangstechnische Herausbildung einer Mischfunktion von großer Bedeutung ist. Die Untersuchungen zeigen, dass die isolierte Kopfstimmcharakteristik nach Möglichkeit vermieden wird, d.h. die Mischfunktion der Stimme wird so weit wie möglich auf obere Frequenzbereiche übertragen, damit die reine Kopfstimme gar nicht erst erklingt. Diese Praxis unterscheidet sich erst einmal nicht so sehr von den Idealen unserer westlichen Gesangstechniken.

Allerdings ist von Stimmregistern niemals die Rede und damit gibt es einen wesentlichen Unterschied. Während in westlichen Gesangstechniken der Fokus meist darauf liegt Brüche zu identifizieren und dann zu überwinden, gehen die Sänger vom nordindischen Dhrupad davon aus, der Gesamtklang einer Stimme ist in ihrem Umfang bereist eine Einheit. Am ehesten lässt sich dieser ganzheitliche Ansatz mit dem des Einheitsregisters vergleichen, den auch in unserer Gesangskultur hin und wieder vertreten wird.

Es wird nicht davon ausgegangen, dass eine Stimme mit Registerbrüchen der rohe Naturzustand ist, den es zu überwinden gilt, sondern genau andersherum, dass die durchlässige bruchfreie Stimme unser eigentlicher Naturzustand ist, den es wiederzufinden gilt. Eine Stimme die eine ausgewogene Mischfunktion aufweist, lässt keine Abschnitte erkennen, die sich als Register abgrenzen ließen. Daher gibt es dazu auch kein Registerkonzept im Dhrupad.

Die Kopfstimmfunktion wird daher gar nicht erst isoliert ausgebildet, sondern es wird von Beginn an gelernt, die Tonhöhen- und Klangveränderung der Singstimme konsequent in der Mischung von einem in das andere Register hinüber gleiten zu lassen, so dass Registerbrüche gar nicht erst zutage treten und die Schwingungsvorgänge der einzelnen Register fließend ineinander übergehen. Um das zu lernen gibt es erstaunliche Übungen, die ich zusammengetragen habe und immer wieder in meinen Unterricht integriere.

Und wie klingt Dhrupad Gesang?

http://www.youtube.com/watch?v=6CaGtAEImAk

(Ashish Sankrityayan, einer der wenigen letzten Vertreter der nordindischen Dhrupadkunst der Dagar, auf einem Konzert in München)

Sicherlich für unsere Ohren erst einmal ungewohnt. Doch versuchen sie auf die Klangqualität der Stimme zu achten, nicht die Melodie und den musikalischen Charakter. Hören sie hin, wie flexibel die Stimme von einem in den anderen Ton gleitet, wie offen die Resoananzräume sind, wie klar der Klang. Und versuchen sie zu identifizieren, was ich im letzten Beitrag zum Thema Mischfunktion erwähnt habe: „Ausgewogenheit und Freiheit, kombiniert mit konsequenter Durchlässigkeit. Es ist ein Zustand der nicht manipuliert sondern zulässt, eine Mischung die nicht über Druckfunktionen und Kompensation sondern Balance zwischen Spannung und Loslassen entsteht.“ Genau diese Qualitäten lassen sich in unsere Gesangstechniken und -stile integrieren.

Maria Goeres

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