World of Voice and Singing

Center Gravity / Fluid Power / Vocal Freedom


1.1/ Stimmumfang und Register (Teil 6)

Brüche und Grenzen oder Einheit?

Das Nicht-Registerkonzept im nordinischen Dhrupadgesang.

Möglicherweise ist die Idee von Stimmregistern ein reines Konstrukt und Ergebnis unserer Denkweise, Dinge in Kategorien und Abschnitte einzuteilen. Ganz anders ist dies im nordindischen Dhrupad Gesang der seit einigen Jahren Bestandteil meiner Forschungen im Bereich Stimme ist. In der Philosophie der nordindischen Musik wird Klang als etwas verstanden, das im Universum omnipräsent ist, wie ein Fluss, dessen Wasser kontinuierlich fliesst und niemals versiegt. Diese Wahrnehmung ist eng verknüpft mit dem metaphysischen Verständnis zur immerdagwesenen Klangenergie nada: „nada is the very essence of vocal music.“

Der Stimmumfang wird also nicht in Abschnitte eingeteilt, sondern die Stimme und der durch sie transportierte Klang als Kontinuum erfasst. Selbst einzelne Töne gehen ineinander über und werden nicht als einzeln abgegrenzte Tonschritte wahrgenommen. In diesem Klangverständnis haben Begrenzungen keine Bedeutung. Dieses Konzept wird im nordindischen Dhrupad laya genannt.

Im Laufe meiner Forschungsarbeit habe ich die Stimmen von verschiedenen Dhrupad Sängern untersucht und festgestellt, dass auch hier die gesangstechnische Herausbildung einer Mischfunktion von großer Bedeutung ist. Die Untersuchungen zeigen, dass die isolierte Kopfstimmcharakteristik nach Möglichkeit vermieden wird, d.h. die Mischfunktion der Stimme wird so weit wie möglich auf obere Frequenzbereiche übertragen, damit die reine Kopfstimme gar nicht erst erklingt. Diese Idee unterscheidet sich erst einmal nicht so sehr von den Idealen unserer westlichen Gesangstechniken.

Allerdings ist von Stimmregistern niemals die Rede und damit gibt es einen wesentlichen Unterschied. Während in westlichen Gesangstechniken der Fokus meist darauf liegt Brüche zu identifizieren und dann zu überwinden, gehen die Sänger vom nordindischen Dhrupad davon aus, der Gesamtklang einer Stimme ist in ihrem Umfang bereist eine Einheit. Am ehesten lässt sich dieser ganzheitliche Ansatz mit dem des Einheitsregisters vergleichen, den auch in unserer Gesangskultur hin und wieder vertreten wird.

Es wird nicht davon ausgegangen, dass eine Stimme mit Registerbrüchen der rohe Naturzustand ist, den es zu überwinden gilt, sondern genau andersherum, dass die durchlässige bruchfreie Stimme unser eigentlicher Naturzustand ist, den es wiederzufinden gilt. Eine Stimme die eine ausgewogene Mischfunktion aufweist, lässt keine Abschnitte erkennen, die sich als Register abgrenzen ließen. Daher gibt es dazu auch kein Registerkonzept im Dhrupad.

Die Kopfstimmfunktion wird daher gar nicht erst isoliert ausgebildet, sondern es wird von Beginn an gelernt, die Tonhöhen- und Klangveränderung der Singstimme konsequent in der Mischung von einem in das andere Register hinüber gleiten zu lassen, so dass Registerbrüche gar nicht erst zutage treten und die Schwingungsvorgänge der einzelnen Register fließend ineinander übergehen. Um das zu lernen gibt es erstaunliche Übungen, die ich zusammengetragen habe und immer wieder in meinen Unterricht integriere.

Und wie klingt Dhrupad Gesang?

http://www.youtube.com/watch?v=6CaGtAEImAk

(Ashish Sankrityayan, einer der wenigen letzten Vertreter der nordindischen Dhrupadkunst der Dagar, auf einem Konzert in München)

Sicherlich für unsere Ohren erst einmal ungewohnt. Doch versucht auf die Klangqualität der Stimme zu achten, nicht die Melodie und den musikalischen Charakter. Hört hin, wie flexibel sie von einem in den anderen Ton gleitet, wie offen die Resoananzräume sind, wie klar der Klang. Und versucht zu hören was ich im letzten Beitrag zum Thema Mischfunktion erwähnt habe:  „Ausgewogenheit und Freiheit, kombiniert mit konsequenter Durchlässigkeit. Es ist ein Zustand der nicht manipuliert sondern zulässt, eine Mischung die nicht über Druckfunktionen und Kompensation sondern Balance zwischen Spannung und Loslassen entsteht.“ Genau diese Qualitäten lassen sich in unsere Gesangstechniken und -stile integrieren.

stay tuned,

Maria Goeres

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Fotos: Nutzungsrechte und copyright Maria Goeres

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1.1/ Stimmumfang und Register (Teil 5)

Gibt es die ideale Mischstimme?

In unseren westlichen Gesangsstilen wird oft angestrebt weder in der reinen Brust- noch Kopfstimme, sondern in der sogenannten Mischfunktion zu singen. Es handelt sich dabei um ein Konzept, dass auf gewissen physiologischen und Klangästhetischen Tatsachen beruht.

Man spricht von einer ausgewogenen voix mixte,  Mischfunktion oder einem Registerausgleich wenn es über das möglichst gleichmäßige Zusammenwirken aller Muskeln zu einer Verschmelzung sämtlicher Register kommt. Die Kopfstimm- und Bruststimmfärbungen sind dann in jedem Frequenzbereich zu gewissen Anteilen vorhanden und bewirken eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Klanganteile.

In Ausbildungsmethoden wird je nach pädagogischem Ansatz entweder ein isoliertes Ansteuern der Register geübt um sie letztendlich zusammenzuführen, oder von Beginn an die Bildung einer Mischfunktion angestrebt ohne die Register zu trennen. Um eine offene, freie und gesunde Mischfunktion zu erreichen, ist es nach meiner Erfahrung vor allem notwendig die Schwingung der Randkante über den gesamten Stimmumfang in die Mischstimme zu integrieren und über eine Öffnung der Rachenräume mit der Bruststimme zu verbinden. Der ideale Zustand einer Mischfunktion lässt sich etwa so beschreiben: Er zeichnet sich durch eine  Balance der Muskeltätigkeit im Gesangsapparat aus, braucht einen gesunden Stimmbandschluss, offene Resonanzräume, einen entspannten Kiefer- und Rachenraum, eine unabhängig arbeitende Zunge und ausgewogenen Spannungszustand im Körper (Eutonus), insbesondere auch Atmungsvorgang.

Natürlich fallen mir zahlreiche SängerInnen mit guter Mischfunktion ein, über alle geografischen und musikalischen Grenzen hinweg. Und alle bringen sie unterschiedliche Qualitäten mit.

Ich kann die Frage im Titel nur subjektiv und aus meiner Sicht beantworten.  Auch wenn die Liste der SängerInnen mit guter Mischfunktion endlos ist, gibt es wenige von ihnen deren ich mit totaler Ausgewogenheit und Freiheit beschreiben würde, kombiniert mit konsequenter Durchlässigkeit. Es ist ein Zustand der nicht manipuliert sondern zulässt, eine Mischung die nicht über Druckfunktionen und Kompensation sondern Balance zwischen Spannung und Loslassen entsteht. Allerdings  müssen die beschriebenen Kriterien in der Praxis nicht alle zutreffen, damit eine Stimme fasziniert und berührt.

Wer Beispiele für SängerInnen mit „idealer“ Mischfunktion findet, kann diese (am besten mit Begründung) gerne im Kommentar hinterlassen. Ich mache den Anfang und wähle ein Beispiel aus dem Popbereich, den fantastischen Donny Hathaway:

  1. Donny Hathaway „I love your more then you’ll know“: http://www.youtube.com/watch?v=Dko6eQl4w2s
  2. Donny Hathaway „Jealous Guy“: http://www.youtube.com/watch?v=x7EsC1TMzrA

Im nächsten Beitrag werde ich über die Besonderheiten der Mischfunktion im nordindischen Dhrupad berichten.

Enjoy,

Maria Goeres

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