World of Voice and Singing

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Kandinskys Klangfarben & Übung für SängerInnen

Wie hört Kandinsky die Klänge der Farben die er malt?

„Die Kunstwerke sollen aus sich selbst heraus entstehen, ohne auf naturgegebenen Formen angewiesen zu sein. Dabei ist die Farbe besonders wichtig, da sie die Seele des Betrachters zum Vibrieren bringen kann. Sie nimmt also die gleiche Funktion ein, wie der Klang in der Musik.“

Auf dem Blog Klangschreiber.de sind zahlreiche spannende Artikel rund um das Thema Musik, Klang, Stimme, Akustik aus einem medienwissenschaftlichen Seminar mit dem Titel „Auditive Medienkulturen“ veröffentlicht. Heute möchte ich unter der thematischen Überschrift „Klangfarben, Charakteristiken, Timbre“ einen von ihnen vorstellen. Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky (in 2 Teilen):

www.klangschreiber.de (Teil 1)

www.klangschreiber.de (Teil 2)

Malerische Präsentationsübung für Sänger

Im letzten Beitrag habe ich einen Link veröffentlicht über die Patua aus Indien die ihre Bilder gesanglich vortragen. In diesem Zusammenhang habe ich mich an eine sehr wirkungsvolle Übung erinnert. Diese schöne Übung habe ich in einem Präsentationsseminar nach der Methode „Die freie Stimme“ (A. Goeres) gelernt. Sie hilft einen intuitiveren, tieferen, individuellen und authentischen Zugang zu einem Song herzustellen:

1. Du brauchst einen grosses weisses Blatt, Farben zum malen und einen Song deiner Wahl

2. Setze dich mit dem Inhalt, der Botschaft des Songs auseinander. Notiere dir Stichpunkte dazu und versuche die Essenz deines Songs zu finden. Eine passende Überschrift oder einen Subtext.

3. Wähle intuitiv jene Farben und Formen, die musikalischen Ausdruck, Charakter und Botschaft des Songs am besten darstellen und male ein Bild deines Songs. Vermeide strukturell oder gegenständlich an die Sache heranzugehen. Lasse die Farben und Formen sponat fliessen, indem du dich mit der zuvor gewonnenen Essenz verbindest.

4. Betrachte dein fertiges Bild und singe es.

5. Singe den Song erneut und bleibe mit deinem Gemälde in Verbindung.

Viel Spaß beim Entdecken,

Maria Goeres

© copyright und Urheberrecht Maria Goeres 2012. Vervielfältigung und Einbindung in andere Webseiten oder Blogs als Kopie, RSS oder in anderweitiger Form ist nur nach meiner ausdrücklichen, schriftlichen Zustimmung gestattet. Das Teilen (nicht kopieren!) auf Facebook oder Twitter unter Angabe des Urhebers ist gestattet.

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Ein Kommentar

1.2/ Klangfarben, Charakteristiken, Timbre (Teil 3)

Wollen wir Vielfalt oder Einfalt? Grün grün grün sind alle meine Kleider …

Wenn man erst einmal einen Wohlfühlklang in der Stimme gefunden hat und sie damit einigermaßen im Griff hat, kann es sein, dass man diesem Klang fortan treu bleibt, immer wieder mit denselben Klangfarben malt und dieselben „Wege“ abgeht. Man hinterlässt Spuren, die sich zu Klangcharakteristiken festigen. Das gehört zur Ausbildung einer Stimme dazu und stärkt den sicheren Umgang und das ganz individuelle Stimmprofil – das dann bestenfalls einen hohen Wiedererkennungswert und authentischen Ausdruck hat! Und hat er erst einmal gelernt mit seiner Stimme auf gesunde Weise umzugehen, ist es dem Künstler überlassen, ob er sich mit dem mühsam erworbenen stimmlichen Handwerkszeug, dem erfolgreich zurechtgeschliffenen Klangfarbenspektrum zufrieden gibt, es weiter verfestigt und dann jedes Songmaterial daran anpasst.

Doch wird das der Vielfalt unserer gesungenen Worte, den transportierbaren Stimmungen und den klanglichen Möglichkeiten unserer Stimme gerecht? 

Wenn ich an die Klangeigenschaften von Singstimmen denke, kommt mir manchmal das Bild einer Landschaft in den Sinn. Eine Landschaft die viele unterschiedliche Erscheinungsformen zeigt, die jeweils ganz unterschiedliche Assoziationen und Empfindungen auslösen. In dieser Landschaft kann man frei umherwandern, immer wieder neues Territorium erobern, sich immer wieder von Neuem überraschen lassen, wenn man die gewohnten Wege verlässt und sich traut auch das unbekannte Terrain zu entdecken. Nachdem ich über Jahre hinweg unterschiedliche Stimmen aus den unterschiedlichsten Genres und fast allen Teilen der Welt angehört habe, kann ich manchmal nicht fassen, wie viele klangliche Möglichkeiten die menschliche Stimme eigentlich hat. Umso mehr habe ich mich gefragt, warum wir unseren Hörgewohnheiten derart treu bleiben, immer wieder ähnliche Klangcharakteristiken abspulen und imitieren – und selten wagen aus ihnen herauszubrechen.

Eine Antwort darauf ist wohl „Identifikation.“ Wie kann sich ein Zuhörer zurechtfinden wenn der Sänger weit mehr als nur eine Stimme hat, wenn er ein großes klangliches Spektrum nutzt? Kann man sich mit Vielfalt identifizieren? Das Unbekannte ist oftmals verwirrend, die Vielfalt verunsichert, weil sie schwer zu greifen ist, die fremden Klänge erschüttern unsere Gewohnheit und werden rasch unangenehm, sie konfrontieren uns mit Neuem und müssen sich erst in unserer Welt einen Platz ergattern, bevor wir sie annehmen wollen. Wir wollen uns darin widerfinden.

Eine andere Antwort darauf ist wohl „Authentizität.“ Solange wir keine aufrichtige in der Stimme hörbare Verbindung des Sängers mit der Absicht und dem Inhalt seines Singens wahrnehmen, erreichen uns weder einheitliche, wiedererkennbare Klangfarben noch neu erschaffene Klangcharakteristiken.

Doch ist Musik nicht Ausdruck von Vielfalt, Abwechslung und Lebendigkeit? Ein ewiger Prozess, eine rastlose Suche im endlosen Ozean der Klänge?

Wahrscheinlich liegt der Zustand den wir suchen irgendwo dazwischen – in der Balance von Bekanntem und Neuem, Abgrenzung und Ausbruch, Erinnern und Überraschen, Gewohnheit und Abwechslung, Vielfalt und Einfalt, Zerstörung und (Neu)Erschaffen, Struktur und Improvisation, Chaos und Ordnung – und wieder fühle ich mich erinnert an die Natur, die sich auf diese Weise in unterschiedlichen Landschaftsbildern ausdrückt.

Es bleibt an uns Sängern und Zuhörern, ob wieder gerne dort bleiben, wo wir uns wohl und sicher fühlen, wo wir uns auskennen – oder ob wir weiter und weiter gehen und feststellen, dass wir weitaus mehr kreativen Raum zur Verfügung haben wenn wir uns trauen auch andere Klangfarben auszuprobieren, bis eine bewegliche Balance entsteht. Sei es indem wir „unsere“ Klänge differenzieren, verfeinern und vertiefen– oder indem wir noch mehr aus unserer Stimme herausholen und neue Klangfarben finden oder erlernen. Natürlich kann man das in der Stimmbildung oder im Gesangsunterricht lernen, sofern der Lehrer bereit und in der Lage dazu ist, eine Vielfalt an Klangfarben zu unterstützen.

Dafür sind einige Schritte erforderlich. Wenn ich Stimmbildung oder Gesang unterrichte, gehört zu einem der ersten Schritte das gemeinsame Aufdecken der momentanen klanglichen Möglichkeiten. Dazu gehört auch, die gewohnten und bekannten Wege zu identifizieren, jene die als angenehm oder schön empfunden werden und jene die sich als unangenehm oder störend herausstellen. Wir machen uns auch Gedanken über die Visionen, vermisste oder unentdeckte Klanganteile, Klangvorstellungen oder sogar Wunschklangfarben, sofern es sie gibt. Auf dieser Basis kann der Sänger seine individuelle stimmliche „Landkarte“ zeichnen, lernen sich in ihr zurechtzufinden und neue Bereich zu erobern. Für mich als Stimmbildnerin/ Gesangslehrerin ist es eine lohnende Herausfoderung diesen unterschiedlichen Anliegen nachzugehen, mit jedem Schüler seine passende „Expeditionsausrüstung“ auszusuchen und Seite an Seite (neue) „Stimmlandschaften“ zu erkunden. Doch eines bleibt dabei sicher: Gesangstechnik, Klangfarben und musikalische Stilmittel – all diese werden erworben, um sich in den Dienst der künstlerischen Botschaft zu stellen.

Maria Goeres

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Fotos: Nutzungsrechte und copyright Maria Goeres


1.2/ Klangfarben, Charakteristiken, Timbre (Teil 2)

Wie kann man den Klang einer Stimme beschreiben?

Alles beginnt mit dem aufmerksamen und differenzierten Hören. Wenn wir versuchen den Klang einer Stimme subjektiv in Worte zu fassen, kann jede Assoziation helfen und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Sobald wir aber versuchen den Stimmklang objektiv zu beschreiben, werden wir rasch an unsere Grenzen stoßen. Für die objektive Beschreibung von Stimmklängen braucht es viel Wissen über das Wesen von Klängen und Erfahrung, den Klang der Stimme von all den anderen sich überlagernden Eindrücken abzugrenzen, die Sänger auf uns hinterlassen. Das braucht viel Übung. Erschwerend kommt hinzu, dass es bisher nicht einmal eine umfassenden Systematik über Stimmklänge gibt. Aber kann so ein System überhaupt vollständig sein? Oder objektiv?

Als Stimmforscherin habe ich einige Gesetzmäßigkeiten zusammengetragen und verfeinert, die sich objektiv messen und weitgehend objektiv übertragen lassen. Da ist zum Beispiel die Erkenntnis, wenn der Grundton stärker hervortritt als andere Frequenzbereiche, ein Stimmklang ‚matter‘ erscheint; oder dass der Obertonanteil am Gesamtspektrum entscheidet, wie ‚brillant,’ ‚hell,’ ’spitz,‘ ’scharf‘ oder ‚durchdringend‘ der Klang wirkt. Man sagt auch, dass Teiltonpaare über dem 4.Teilton, die weniger als 100Hz auseinander liegen den Klang ‚rau‘ erscheinen lassen können. Weit verbreitet ist die Erkenntnis, dass der Anteil des Sängerformanten bei 2.6-4.0 kHz die Tragfähigkeit der Stimme beeinflusst.

In einer meiner wissenschaftlichen Arbeiten habe ich den Versuch unternommen, Stimmklänge in Kategorien zu systematisieren. Unter anderem nach der Anzahl der Teiltöne, nach den Formanten, der Tonqualität sowie dem Nebengeräuschanteil, der Tragfähigkeit, Dynamik, Stilistik, Gesangstechnik, aber auch emotionalen Ausdruck. Und nicht zu vergessen, der Güte und den unspezifischen Qualitäten (z.B. schön, attraktiv, langweilig …). Jeder Kategorie habe ich bestimmte beschreibende Eigenschaften zugeordnet. Und da kommt einiges zusammen. Hier eine Auswahl:

… reich, differenziert, fein, flexibel, mühelos, ausgewogen, frei, fließend, schwerfällig, undifferenziert, grob, blockiert, eng, drückend, weit, dynamisch, brillant, glänzend, strahlend, leuchtend, Intensität, Dichte, hohl, matt, voluminös, voll, groß, kräftig, beständig laut, leise, nasal, dünn, klar, rein, rau, behaucht, heiser, krächzend, instabil, gebrochen, attraktiv, schön, makellos, hässlich, unangenehm, aufdringlich, künstlich, aufgesetzt, langweilig, kalt, tot, intentionslos, ergreifend, intensiv, bewegend, natürlich, authentisch …

Doch selbst wenn man objektive wissenschaftliche Erkenntnisse anwendet, den Stimmklang im sogenannten Sonagramm untersucht, bleibt der Höreindruck um einiges Vielschichtiger als jede Messung. Zu den besten Ergebnissen kommt man übrigens, wenn man die technischen Messungen und Analysen der Sonagramme mit den qualitativen Beurteilungen über das reine Hören miteinander kombiniert. Doch wie tief man auch wissenschaftlich in die Materie dringt, es bleiben immer Aspekte, die sich den Beschreibungen, Kategorisierungen, Erklärungsversuchen entziehen. Der Klang einer menschlichen Stimme ist ein hochkomplexes, faszinierendes, kaum vollkommen zu durchdringendes Phänomen.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Erforschung von Stimmklängen ein spannendes und lohnendes Thema ist. Für mich hat sich herausgestellt, dass meine jahrelange Praxis der immer feiner werdenden Wahrnehmung eines Stimmklangs nicht nur bei der Erfassung von außereuropäischen Stimmen hilfreich ist. Als Sängerin/Songwriterin bewirken gerade diese Feinheiten die großen Unterschiede und als Stimmbildnerin bin ich in der Lage die Stimmen meiner SchülerInnen sehr differenziert einzuschätzen.

Maria Goeres

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