World of Voice and Singing

Center Gravity / Fluid Power / Vocal Freedom

1.2/ Klangfarben, Charakteristiken, Timbre (Teil 3)

Ein Kommentar

Wollen wir Vielfalt oder Einfalt? Grün grün grün sind alle meine Kleider …

Wenn man erst einmal einen Wohlfühlklang in der Stimme gefunden hat und sie damit einigermaßen im Griff hat, kann es sein, dass man diesem Klang fortan treu bleibt, immer wieder mit denselben Klangfarben malt und dieselben „Wege“ abgeht. Man hinterlässt Spuren, die sich zu Klangcharakteristiken festigen. Das gehört zur Ausbildung einer Stimme dazu und stärkt den sicheren Umgang und das ganz individuelle Stimmprofil – das dann bestenfalls einen hohen Wiedererkennungswert und authentischen Ausdruck hat! Und hat er erst einmal gelernt mit seiner Stimme auf gesunde Weise umzugehen, ist es dem Künstler überlassen, ob er sich mit dem mühsam erworbenen stimmlichen Handwerkszeug, dem erfolgreich zurechtgeschliffenen Klangfarbenspektrum zufrieden gibt, es weiter verfestigt und dann jedes Songmaterial daran anpasst.

Doch wird das der Vielfalt unserer gesungenen Worte, den transportierbaren Stimmungen und den klanglichen Möglichkeiten unserer Stimme gerecht? 

Wenn ich an die Klangeigenschaften von Singstimmen denke, kommt mir manchmal das Bild einer Landschaft in den Sinn. Eine Landschaft die viele unterschiedliche Erscheinungsformen zeigt, die jeweils ganz unterschiedliche Assoziationen und Empfindungen auslösen. In dieser Landschaft kann man frei umherwandern, immer wieder neues Territorium erobern, sich immer wieder von Neuem überraschen lassen, wenn man die gewohnten Wege verlässt und sich traut auch das unbekannte Terrain zu entdecken. Nachdem ich über Jahre hinweg unterschiedliche Stimmen aus den unterschiedlichsten Genres und fast allen Teilen der Welt angehört habe, kann ich manchmal nicht fassen, wie viele klangliche Möglichkeiten die menschliche Stimme eigentlich hat. Umso mehr habe ich mich gefragt, warum wir unseren Hörgewohnheiten derart treu bleiben, immer wieder ähnliche Klangcharakteristiken abspulen und imitieren – und selten wagen aus ihnen herauszubrechen.

Eine Antwort darauf ist wohl „Identifikation.“ Wie kann sich ein Zuhörer zurechtfinden wenn der Sänger weit mehr als nur eine Stimme hat, wenn er ein großes klangliches Spektrum nutzt? Kann man sich mit Vielfalt identifizieren? Das Unbekannte ist oftmals verwirrend, die Vielfalt verunsichert, weil sie schwer zu greifen ist, die fremden Klänge erschüttern unsere Gewohnheit und werden rasch unangenehm, sie konfrontieren uns mit Neuem und müssen sich erst in unserer Welt einen Platz ergattern, bevor wir sie annehmen wollen. Wir wollen uns darin widerfinden.

Eine andere Antwort darauf ist wohl „Authentizität.“ Solange wir keine aufrichtige in der Stimme hörbare Verbindung des Sängers mit der Absicht und dem Inhalt seines Singens wahrnehmen, erreichen uns weder einheitliche, wiedererkennbare Klangfarben noch neu erschaffene Klangcharakteristiken.

Doch ist Musik nicht Ausdruck von Vielfalt, Abwechslung und Lebendigkeit? Ein ewiger Prozess, eine rastlose Suche im endlosen Ozean der Klänge?

Wahrscheinlich liegt der Zustand den wir suchen irgendwo dazwischen – in der Balance von Bekanntem und Neuem, Abgrenzung und Ausbruch, Erinnern und Überraschen, Gewohnheit und Abwechslung, Vielfalt und Einfalt, Zerstörung und (Neu)Erschaffen, Struktur und Improvisation, Chaos und Ordnung – und wieder fühle ich mich erinnert an die Natur, die sich auf diese Weise in unterschiedlichen Landschaftsbildern ausdrückt.

Es bleibt an uns Sängern und Zuhörern, ob wieder gerne dort bleiben, wo wir uns wohl und sicher fühlen, wo wir uns auskennen – oder ob wir weiter und weiter gehen und feststellen, dass wir weitaus mehr kreativen Raum zur Verfügung haben wenn wir uns trauen auch andere Klangfarben auszuprobieren, bis eine bewegliche Balance entsteht. Sei es indem wir „unsere“ Klänge differenzieren, verfeinern und vertiefen– oder indem wir noch mehr aus unserer Stimme herausholen und neue Klangfarben finden oder erlernen. Natürlich kann man das in der Stimmbildung oder im Gesangsunterricht lernen, sofern der Lehrer bereit und in der Lage dazu ist, eine Vielfalt an Klangfarben zu unterstützen.

Dafür sind einige Schritte erforderlich. Wenn ich Stimmbildung oder Gesang unterrichte, gehört zu einem der ersten Schritte das gemeinsame Aufdecken der momentanen klanglichen Möglichkeiten. Dazu gehört auch, die gewohnten und bekannten Wege zu identifizieren, jene die als angenehm oder schön empfunden werden und jene die sich als unangenehm oder störend herausstellen. Wir machen uns auch Gedanken über die Visionen, vermisste oder unentdeckte Klanganteile, Klangvorstellungen oder sogar Wunschklangfarben, sofern es sie gibt. Auf dieser Basis kann der Sänger seine individuelle stimmliche „Landkarte“ zeichnen, lernen sich in ihr zurechtzufinden und neue Bereich zu erobern. Für mich als Stimmbildnerin/ Gesangslehrerin ist es eine lohnende Herausfoderung diesen unterschiedlichen Anliegen nachzugehen, mit jedem Schüler seine passende „Expeditionsausrüstung“ auszusuchen und Seite an Seite (neue) „Stimmlandschaften“ zu erkunden. Doch eines bleibt dabei sicher: Gesangstechnik, Klangfarben und musikalische Stilmittel – all diese werden erworben, um sich in den Dienst der künstlerischen Botschaft zu stellen.

Maria Goeres

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Autor: Stimmbildung

Vocalcoaching, Stimmbildung, Gesangsunterricht. Center Gravity • Fluid Power • Vocal Freedom

One thought on “1.2/ Klangfarben, Charakteristiken, Timbre (Teil 3)

  1. Guten Tag Herr Fromhund,
    Sie haben sich widerrechtlich den Inhalt meiner Webseite angeeignet.

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    Viele Grüße, Maria Goeres

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