World of Voice and Singing

Center Gravity / Fluid Power / Vocal Freedom

1.2/ Klangfarben, Charakteristiken, Timbre (Teil 2)

Wie kann man den Klang einer Stimme beschreiben?

Alles beginnt mit dem aufmerksamen und differenzierten Hören. Wenn wir versuchen den Klang einer Stimme subjektiv in Worte zu fassen, kann jede Assoziation helfen und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Sobald wir aber versuchen den Stimmklang objektiv zu beschreiben, werden wir rasch an unsere Grenzen stoßen. Für die objektive Beschreibung von Stimmklängen braucht es viel Wissen über das Wesen von Klängen und Erfahrung, den Klang der Stimme von all den anderen sich überlagernden Eindrücken abzugrenzen, die Sänger auf uns hinterlassen. Das braucht viel Übung. Erschwerend kommt hinzu, dass es bisher nicht einmal eine umfassenden Systematik über Stimmklänge gibt. Aber kann so ein System überhaupt vollständig sein? Oder objektiv?

Als Stimmforscherin habe ich einige Gesetzmäßigkeiten zusammengetragen und verfeinert, die sich objektiv messen und weitgehend objektiv übertragen lassen. Da ist zum Beispiel die Erkenntnis, wenn der Grundton stärker hervortritt als andere Frequenzbereiche, ein Stimmklang ‚matter‘ erscheint; oder dass der Obertonanteil am Gesamtspektrum entscheidet, wie ‚brillant,’ ‚hell,’ ’spitz,‘ ’scharf‘ oder ‚durchdringend‘ der Klang wirkt. Man sagt auch, dass Teiltonpaare über dem 4.Teilton, die weniger als 100Hz auseinander liegen den Klang ‚rau‘ erscheinen lassen können. Weit verbreitet ist die Erkenntnis, dass der Anteil des Sängerformanten bei 2.6-4.0 kHz die Tragfähigkeit der Stimme beeinflusst.

In einer meiner wissenschaftlichen Arbeiten habe ich den Versuch unternommen, Stimmklänge in Kategorien zu systematisieren. Unter anderem nach der Anzahl der Teiltöne, nach den Formanten, der Tonqualität sowie dem Nebengeräuschanteil, der Tragfähigkeit, Dynamik, Stilistik, Gesangstechnik, aber auch emotionalen Ausdruck. Und nicht zu vergessen, der Güte und den unspezifischen Qualitäten (z.B. schön, attraktiv, langweilig …). Jeder Kategorie habe ich bestimmte beschreibende Eigenschaften zugeordnet. Und da kommt einiges zusammen. Hier eine Auswahl:

… reich, differenziert, fein, flexibel, mühelos, ausgewogen, frei, fließend, schwerfällig, undifferenziert, grob, blockiert, eng, drückend, weit, dynamisch, brillant, glänzend, strahlend, leuchtend, Intensität, Dichte, hohl, matt, voluminös, voll, groß, kräftig, beständig laut, leise, nasal, dünn, klar, rein, rau, behaucht, heiser, krächzend, instabil, gebrochen, attraktiv, schön, makellos, hässlich, unangenehm, aufdringlich, künstlich, aufgesetzt, langweilig, kalt, tot, intentionslos, ergreifend, intensiv, bewegend, natürlich, authentisch …

Doch selbst wenn man objektive wissenschaftliche Erkenntnisse anwendet, den Stimmklang im sogenannten Sonagramm untersucht, bleibt der Höreindruck um einiges Vielschichtiger als jede Messung. Zu den besten Ergebnissen kommt man übrigens, wenn man die technischen Messungen und Analysen der Sonagramme mit den qualitativen Beurteilungen über das reine Hören miteinander kombiniert. Doch wie tief man auch wissenschaftlich in die Materie dringt, es bleiben immer Aspekte, die sich den Beschreibungen, Kategorisierungen, Erklärungsversuchen entziehen. Der Klang einer menschlichen Stimme ist ein hochkomplexes, faszinierendes, kaum vollkommen zu durchdringendes Phänomen.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Erforschung von Stimmklängen ein spannendes und lohnendes Thema ist. Für mich hat sich herausgestellt, dass meine jahrelange Praxis der immer feiner werdenden Wahrnehmung eines Stimmklangs nicht nur bei der Erfassung von außereuropäischen Stimmen hilfreich ist. Als Sängerin/Songwriterin bewirken gerade diese Feinheiten die großen Unterschiede und als Stimmbildnerin bin ich in der Lage die Stimmen meiner SchülerInnen sehr differenziert einzuschätzen.

Maria Goeres

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Autor: Stimmbildung

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