World of Voice and Singing

Center Gravity / Fluid Power / Vocal Freedom


1.1/ Stimmumfang und Register (Teil 4)

Heute geht es um Bruststimme und Strohbassregister:

Bruststimme bedeutet nicht automatisch tief singen, ebensowenig wie Kopfstimme gleichbedeutend ist mit hoch singen. Die Bruststimmfunktion kann auch in der Höhe genutzt werden, ebenso wie die Kopfstimmfunktion bis in die Tiefe reicht. Doch das bedeutet, dass sie in eine Mischfunktion übergeht, denn Singen mit reiner Bruststimmfunktion und das auch noch in der Höhe – diese Belastung kann kaum eine Stimme auf Dauer aushalten. In der Praxis Beispiele zu finden, in denen die Bruststimme isoliert von der Mischfunktion gesungen wird, hat sich daher schwieriger herausgestellt, als Beispiele für eine isolierte Kopfstimmfunktion zu finden. Eine ungemischte, luftige Bruststimme kennen wir zum Beispiel von Toni Braxton am Anfang ihres Songs „unbreak my heart.“

Hier ein Versuch für weibliche Stimmen:

Tanita Tikaram scheint hier an der untersten Grenze ihres Stimmumfangs zu singen und singt überwiegend in der Bruststimme. Manchmal klingt sie luftig und sanft und die klangintensiveren Passagen singt sie über eine ansatzweise Mischung. Sie erzeugt damit eine warme, intime Stimmung aber auch Schwere, da sie im gesamten Song mit dem großen und schwereren Bruststimmanteil verbunden bleibt.

1. Tanita Tikaram „Twist in my Sobriety“: http://www.youtube.com/watch?v=T5emcbg_wZk

Hildegard Knef ist ein wunderbares Beispiel für eine Sängerin mit kraftvoller Bruststimme. Mit einem hohen Bruststimmanteil singt sie im Unterschied zu Tanita Tikaram allerdings auch deutlich in der Mischfunktion. Damit integriert sie eine gewisse Leichtigkeit und unterstützt den erzählerischen Ton, ganz im Kontakt zu ihrer Sprechstimme.

2. Hildegard Knef „Für mich solls rote Rosen regnen“: http://www.youtube.com/watch?v=r6vmMzME7S0

Ein toller Song und ein fantastisches Beispiel für eine starke, warme Bruststimme mit anteiliger Mischung am A-Teil und klare Mischfunktion im B-Teil:

3. Cassandra Wilson „Lay Lady Lay“: http://www.youtube.com/watch?v=dlVAfvZo1LY

Unter den männlichen Sängern gibt es natürlich auch zahlreiche Beispiele für das Singen mit der Bruststimme. Sofort in den Sinn kam mir Leonhard Cohen. Hier hört man ganz schön, wie rau und luftig  die reine, ungemischte Bruststimmfunktion klingen kann, wenn sie sich nicht mit der Schärfe und Klarheit anderer Register mischt:

4. Leonhard Cohen „a thousand kisses deep“: http://www.youtube.com/watch?v=gPhHMc83vCk

Mit sanftem Bruststimmanteil gesungen, aber mit integrierter Mischfunktion

5. Serge Gainsbourg „la noyée“: http://www.youtube.com/watch?v=OsYa6xGl7eg

Ein Beispiel für eine hohe Lage die Jeff Buckley aber anteilig vorwiegend in der Bruststimme singt. Die durch dieses „Bruststimmübergewicht“ bedingte Anstrengung in der Stimme ist nicht zu überhören. Jeff bewegt er sich zwischen Schwere und Zerbrechlichkeit.

6. Jeff Buckley „Hallelujah“: http://www.youtube.com/watch?v=FT0xdVXHKPs

Beispiele aus anderen Kulturen:

Ausgewogen in der Bruststimmlage, eindeutig mit Mischfunktion:

7. Manu Dibango „woa“ (Afrika): http://www.youtube.com/watch?v=jCg4giPYQoI

Bruststimmfunktion bis in die Höhe:

8. Kandia Kouyate „Tschegniba“ (Afrika): http://www.youtube.com/watch?v=iVtcG7akqJs

Die faszinierenden Möglichkeiten der Stimme werden in Bezug auf ihre Register auf unterschiedliche Weise genutzt und manchmal bis zu den physiologischen Grenzen ausgereizt. So gibt es in anderen Kulturen Stile die im tiefen Strohbassregister gesungen werden. Beim ersten Beispiel muss man sehr genau hinhören um die tiefe Stimme unter der Tanpura zu hören:

https://soundcloud.com/mariagoeres/strohbass-indien-und-tibet

1- Dhrupad (Nordindien), 2- Mönche (Tibet)

In den nächsten Tagen geht es dann weiter mit dem Thema Mischstimme, und faszinierenden Beispielen zum gestalterischen Umgang mit Registerbrüchen und -wechseln.

keep in touch :)

Maria Goeres


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1.1/ Stimmumfang und Register (Teil 2)

                                                      
Was ist ein Stimmumfang?

Mit dem Umfang einer Stimme ist die Spannweite gemeint, die sie von der tiefsten bis zur höchsten Frequenz (Tonhöhe gemessen in Hz) erreichen kann. Man unterscheidet bei dem Umfang einer Stimme zwischen dem physiologischen und musikalischen. Der physiologische Stimmumfang bezieht sich auf alle Laute, die eine menschliche Stimme hervorbringen kann, auch solche, die musikalisch „nicht verwertbar“ sind. Meist ist dieser Umfang wesentlich größer als der musikalische.

Was  passiert im Kehlkopf wenn höher gesungen wird?
Mit zunehmender Phonationsfrequenz (Tonhöhe) erhöht sich die Spannung im Kehlkopfbereich. Gleichzeitig kommt es zu einer Massenverkleinerung Stimmbänder, so dass die Randkanten- und Schleimhautschwingung (die inneren feineren Bereiche der Stimmbänder) vorherrscht. Die Stimmbänder werden gestreckt und dadurch dünner. Der schwingungsfähige Teil hingegen verkürzt sich (Vgl. Seidner, 2005, S.77).

Was  passiert im Kehlkopf wenn tiefer gesungen wird?
Die Abnahme der Frequenzen führt zu einer relativen Entspannung und Verlängerung der Stimmlippen, die infolgedessen langsamer schwingen. Die Schwingungsmasse, also die Aktivität des Musculus Vocalis (der Muskelanteil und damit größere Bereich der die Stimmbänder ausmacht) nimmt zu.

Diese Veränderungen geschehen unabhängig von der Timbrencharakteristik und Klangfarbe einer Stimme, denn diese wird einerseits durch die Stimmlippenschwingung und andererseits die Beschaffenheit ihrer Resonanzräume bestimmt (Sundberg, 1977, S.73).

Was bedeutet „Register“?
Es handelt sich dabei um ein sehr umstrittenes Konzept, das sich aber für die Beschreibung  der charakteristischen Färbungen bestimmter Tonhöhenabschnitte als hilfreich erwiesen hat (Vgl. Seidner, 2005, S.99). Das Registerprinzip beruht auf der Feststellung, dass die Tonhöhenänderung bei einer ungeübten Stimme von der tiefsten bis zur höchstmöglichen Stimmlippenfrequenz normalerweise nicht als gleitendes Kontinuum erfolgt sondern stufenweise. An bestimmten Stellen „springt“ die Stimme aus dem tiefen Frequenzbereich der so genannten Bruststimme in den höheren, als Kopfstimme bezeichneten Bereich, mit hörbarer Veränderung der Klangfarbe (Seidner, 2004, S.100). An den Übergängen von einem zum nächsten Register ändert sich die Kehlkopfstellung abrupt. Dieses Phänomen wird als Registerbruch bezeichnet. Physiologisch gesehen nimmt die in Schwingung versetzte Masse der Stimmlippen vom Brust- zum Kopfregister ab so dass bei der Bruststimme die gesamte Muskelmasse der Stimmlippen und bei der Kopfstimme lediglich die Stimmbandränder schwingen. Die Teilabschnitte ähnlicher Klangeigenschaften werden als Brustregister und Kopfregister, sowie Mittelregister bezeichnet. Zusätzlich zählt man in der europäischen Gesangswissenschaft ein tiefes Strohbassregister und hohes Falsett bei Männern sowie das Pfeifregister bei Frauen hinzu.

Und was ist eigentlich die Mischstimme?
Man spricht von einer ausgewogenen voix mixte,  Mischfunktion oder einem Registerausgleich wenn es über das möglichst gleichmäßige Zusammenwirken aller Muskeln zu einer Verschmelzung sämtlicher Register kommt. Die Kopfstimm- Mittelstimm- und Bruststimmfärbungen sind dann in jedem Frequenzbereich zu gewissen Anteilen vorhanden, so dass es zu einer möglichst gleichmäßigen Verteilung der Klanganteile kommt.

Was genau ausgewogen bedeutet, wie das klingen soll und ob eher Brust- oder Kopfstimmanteile bevorzugt werden etc, hängt von persönlichen, musikalischen, kulturellen und ästhetischen Kriterien ab und kann deshalb von Gesangskultur zu Gesangskultur, Genre, Stil und musikalischem Material sehr unterschiedlich sein.

In den nächsten Tagen werde ich viele unterschiedliche spannende Beispiele aus aller Welt aufführen, die vielfältige, stimmliche Ausdrucksmöglichkeiten demonstrieren, in denen die Wirkung der Register und des Stimmumfangs im Vordergrund steht.

Maria Goeres


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1.1/ Stimmumfang und Register (Teil 1)

In der zweiten Septemberwoche geht es um Tonhöhen, Stimmumfang und Register. Manche Gesangsschüler fragen mich zu Beginn, was es mit Kopf-, Brust-, oder Mischstimme, Falsett, Pfeifregister oder Strohbass eigentlich genau auf sich hat.

Alle diese Begriffe beschreiben bestimmte Klangqualitäten der Stimme die sich auf Tonhöheneigenschaften oder charakteristische Färbungen von bestimmten Tonhöhenabschnitten beziehen. Und sie beschreiben spezifische subjektive Resonanzempfindung die während des Singens entstehen. Im morgigen Beitrag beantworte ich folgenden Fragen:

- Was ist ein Stimmumfang?
– Was  passiert im Kehlkopf wenn wir hoch oder tief singen?
– Was bedeutet „Register“?
– Und was ist eigentlich die sogenannte Mischstimme?

Und bis zum Ende der Woche gibt es viele interessante (Klang)Beispiele zum Thema Stimmumfang, Register und Mischstimme aus der Welt der faszinierenden Möglichkeiten unserer Singstimme und außerdem weitere Antworten auf die Frage, was wir von anderen Gesangskulturen lernen können und warum der Umgang mit Register, Stimmumfang und Tonhöhen beim Singen wichtig ist.

Maria Goeres

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